Beim sechsten Anlauf: Der erste Oscar für Ennio Morricone

Filmmusik

Bei der 88. Oscarverleihung am 28. Februar 2016 gewann der Komponist Ennio Morricone nach über 50 Jahren seinen ersten Academy Award für den „Best Original Score“. Mit seiner Filmmusik für Quentin Tarantinos Western „The Hateful Eight“ setzte sich der Italiener unter anderem gegen John Williams und seinem Soundtrack für „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ durch. Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi gratulierte seinem Landsmann überschwänglich auf Twitter: „Großartig Maestro, endlich!“

Ganz Italien bejubelt den Komponisten!

Ganz Italien bejubelt den Komponisten!

Lang ersehnt und redlich verdient

Mit 87 Jahren ist Ennio Morricone einer der ältesten – wenn nicht der älteste – Oscarpreisträger. Den Namen des Italieners verbindet man vor allem mit dem Genre der Italo- oder Spaghetti-Western Sergio Leones, mit denen er in den 60er Jahren seinen Ruhm als Filmkomponist erlangt hat.

Bemerkenswerterweise wurde Morricone bereits 2007 ein Ehren-Oscar für sein Lebenswerk verliehen, noch bevor er einen Oscar für eine seiner Filmmusiken ergattert hatte. Diese Auszeichnung ist eigentlich Altmeistern vorbehalten, die nie die Möglichkeit auf einen Wettbewerbs-Oscar hatten.

Dem Award für die beste Filmmusik ist Ennio Morricone bereits fünf Mal zum Greifen nahe gekommen – musste sich jedoch bisher jedes Mal geschlagen geben:

Nominierungen Morricones für die beste Filmmusik:

  • In der Glut des Südens (1978)
  • Mission (1986)
  • The Untouchables – Die Unbestechlichen (1987)
  • Bugsy (1991)
  • Der Zauber von Malèna (2000)

Für sein musikalisches Werk erhielt der Komponist viele weitere Auszeichnungen, unter anderem drei Golden Globes, einen Grammy, sieben David Di Donatellos (einer der bedeutendsten italienischen Filmpreise) und den Europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk.

Das Leben des römischen Maestros

Der Fotograf Augusto de Luca und Ennio Morricone 1997.

Der Fotograf Augusto de Luca und Ennio Morricone 1997.

Ennio Morricone wurde am 10. November 1928 in Trastevere, Rom geboren. Seine musikalische Karriere begann mit dem Studium der Trompete und Chormusik im Konservatorium von Santa Cecilia. Dort kam er mit dem italienischen Komponisten Goffredo Petrassi in Kontakt, der ihn als Lehrer maßgeblich beeinflusste.

Nach seinem Studium war Morricone in einer weiten Bandbreite an Kompositionsgenres tätig. Von klassischer Konzertmusik über Orchestermusik und musikalischer Avantgarde bis hin zu Kompositionen für Theater, Radio und Kino – Morricone hatte überall seinen Dirigierstab im Spiel.

Der Ruhm kommt mit der Filmmusik

Heute ist Ennio Morricone vor allem für seine innovative Musik im Italo-Western der 60er Jahre bekannt. Mit seiner ersten Filmmusik für den Film „Federale“ (1961) von Luciano Salces betrat der Komponist zum ersten Mal die Schnittstelle zwischen Musik und Film.

Die Dollar-Trilogie

Der Westernpionier persönlich: Sergio Leone.

Der Westernpionier persönlich: Sergio Leone.

Obwohl der Ruhm als Filmkomponist nicht unmittelbar einsetzte, ließ er nicht lange auf sich warten. Als 1964 eine enge Zusammenarbeit mit dem Filmregisseur Sergio Leone begann, zeichnete sich auch bald Morricones Erfolg in der Filmindustrie ab. Der Durchbruch kam in Form der Dollar-Trilogie mit Clint Eastwood in den Hauptrollen:

  • Eine Handvoll Dollar (1964)
  • Für ein paar Dollar mehr (1965)
  • Zwei glorreiche Halunken (1966)

Im Gegensatz zu den symphonischen Western-Soundtracks aus Hollywood verwendete Morricone ungewöhnliche Soundelemente wie Maultrommeln, Kojotengeheul, Peitschenknalle und Schläge auf den Amboss, um eine exotische Filmstimmung zu evozieren. Diese alternativen Filmmusiken für die Western-Filme Leones prägten nicht nur das Genre des Spaghetti-Westerns, sondern die Filmindustrie in ihrer Gesamtheit.

Das spanische Plakat für den zweiten Teil der Dollar-Trilogie „Für ein paar Dollar mehr“ ließ Western-Herzen höher schlagen.

Das spanische Plakat für den zweiten Teil der Dollar-Trilogie „Für ein paar Dollar mehr“ ließ Western-Herzen höher schlagen.

Auf die Dollar-Trilogie folgte weltweite Bekanntheit für den italienischen Komponisten. Bis heute hat Morricone Musik für über 500 Filme komponiert.

And the Oscar goes to…

Wenn der Italo-Western-Pionier Ennio Morricone und der Vorreiter des zeitgenössischen Western Quentin Tarantino an ein und demselben Filmset arbeiten, braucht einen der Academy Award nicht zu überraschen.

 Quentin und Ennio

In den letzten Jahren hatte Morricone sich weitgehend von Hollywood und seinen Kinofilmen fern gehalten. Mit „The Hateful Eight“ hat Quentin Tarantino den italienischen Maestro jedoch noch einmal aus seinem Heimatland an die große Leinwand gelockt.

Der Italo-Western ist für Tarantinos Arbeit als Filmemacher eine wichtige Inspiration. Als bekannter Morricone-Fan hat Tarantino sich bereits in einigen seiner Werke vom großen Meister inspirieren lassen und dessen Musik in Filmen wie Kill Bill, Inglourious Basterds oder Django Unchained verarbeitet. Mit viel Überredungskunst hat er es jetzt geschafft, seine eigene Filmografie durch ein echtes Morricone-Original zu vervollständigen.

Zunächst wollte Morricone aus Zeit- und Altersgründen nur eine Titelmelodie für den Film komponieren. Nachdem ihn jedoch die Inspiration überkam, schrieb er gleich die gesamte Filmmusik.

„He is my favorite composer. I don’t mean for movies. I mean Beethoven, Bach, everybody – he is my favorite”, sagte Quentin Tarantino, als man ihn auf seine Arbeit mit Ennio Morricone ansprach.

„He is my favorite composer. I don’t mean for movies. I mean Beethoven, Bach, everybody – he is my favorite”, sagte Quentin Tarantino, als man ihn auf seine Arbeit mit Ennio Morricone ansprach.

The Hateful Eight

„The Hateful Eight“ ist Morricones erster Western seit über 30 Jahren. Das letzte Mal, dass Morricone den Kojoten heulen ließ, war in „Eine Faust geht nach Westen“ von 1981.

In der Filmmusik von „The Hateful Eight“ hört man das Tschechische Nationale Symphonieorchester mit Morricone als Dirigent. In der Komposition verwendete er einige unbenutzte Elemente aus einer seiner berühmtesten Filmmusiken für John Carpenters „The Thing“ (1982). Tarantino bemerkte zu Morricones Filmmusik, dass es kein typischer Western-Klang sei, sondern eher an Horror erinnere.

Mit der Filmmusik und dem nun zugehörigen Oscar hat Ennio Morricone Filmgeschichte geschrieben.

Mit der Filmmusik und dem nun zugehörigen Oscar hat Ennio Morricone Filmgeschichte geschrieben.

Morricone und Hollywood

So sehen 87 Jahre legendäres Leben aus.

So sehen 87 Jahre legendäres Leben aus.

Es scheint doch etwas merkwürdig, dass ein Filmkomponist wie Ennio Morricone, dessen Wirken derart stilbildend und innovativ in die Filmgeschichte eingegangen ist, nach über 50 Jahren künstlerischen Schaffens so lange keinen Oscar gewinnen konnte. Auch die Tatsache, dass sein Lebenswerk geehrt wurde, ehe er einen Oscar für ein einzelnes Werk bekam, steht als ungeklärte Frage im Raum. Schon länger wird spekuliert, ob der verspätete Oscar vielleicht am gespaltenen Verhältnis zwischen Hollywood und der europäischen Filmproduktion und deren ästhetischen Differenzen liegt. Die bewusste Distanzierung Morricones von der Hollywoodästhetik ist kein Geheimnis – immerhin spricht der Maestro am Set kein einziges Wort Englisch. Kann es sein, dass der Oscar für die beste Filmmusik aufgrund dieser Differenzen so lange ausgeblieben ist? Bis zum nächsten Oscar können wir bloß spekulieren.

‚Grazie‘ bei der Oscarverleihung

Als der Name Ennio Morricone aus dem sagenumwobenen Umschlag bei der Oscarverleihung im Februar gezogen wurde, brach ein Begeisterungssturm aus, der sich vom Dolby-Theatre in Los Angeles bis nach Italien und weiter verbreitete. Der Italiener las seine Dankesrede vom Blatt vor, während sein Sohn Giovanni für ihn die Sprachbarriere überwand. Sein größter Dank galt seiner Frau, die seine ständige Abwesenheit im Laufe seiner Karriere ertragen hatte.

Eine Auswahl von Morricone-Filmmusiken

  • Die Dollar-Triologie:
    • Für eine Handvoll Dollar (1964)
    • Für ein paar Dollar mehr (1965)
    • Zwei glorreiche Halunken (1968)
  • Spiel mir das Lied vom Tod (1986)
  • Leichen pflastern seinen Weg (1968)
  • Mein Name ist Nobody (1973)
  • Der Profi (1981)
  • Cinema Paradiso (1988)
  • Mission (1987)

Hörbeispiel: L’ultima diligenza di Red Rock – Ennio Morricone

Auch wir sind stolz auf den italienischen Maestro! Deshalb bieten wir mit unserem Ennio-Morricone-Special die berühmtesten Werke des frischgebackenen Oscarpreisträgers an! So können auch Sie die unvergesslichen Melodien des Meisters nachspielen.

 


 

Bildnachweise:
Titelbild: © www.enniomorricone.org; Bild 1: © Twitter; Bild 2: © Augusto De Luca und Ennio Morricone von Ferdinando Castaldo ist lizensiert unter CC BY 2.0; Bild 3: © Sergio Leone von obbino ist lizensiert unter CC BY 2.0; Bild 4: © La Muerte Tenía un Precio von Jablagu ist lizensiert unter CC0; Bild 5: © Quentin Tarantino beim Berlin Filmfestival 2009 von Siebbi ist lizensiert unter CC BY 3.0; Bild 6: © The Hateful Eight free filmlogo by Rayukk ist lizensiert unter CC BY SA 4.0; Bild 7: © Ennio Morricone beim Cannes Filmfestival 2012 von Georges Biard ist lizensiert unter CC BY 3.0

 

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