Rechordatio
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Thomas Schuttenhelm
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Beschreibung:

  • Seiten: 8
  • Erschienen: 01.07.2026
  • Gewicht: 36 g
  • Genre: Klassik, Klassische Musik der Moderne
Rechordatio ist sowohl ein Akt des Gedenkens als auch eine Geste der Dankbarkeit. Das Stück entspringt zwei musikalischen Beziehungen, die für mich von großer Bedeutung waren: meinen Begegnungen mit dem italienischen Komponisten Angelo Gilardino und meiner langjährigen Bewunderung für den sardischen Gitarristen Cristiano Porqueddu.

Ich begegnete beiden Künstlern erstmals 2009 beim Sommerfestival der Guitar Foundation of America in Ithaca, New York, wo Gilardino in die Hall of Fame aufgenommen wurde. Ich war eigens dorthin gereist, um ihn zu treffen, da ich mir seiner Bedeutung als zentrale Figur der modernen Gitarrenkomposition bereits bewusst war. Auf demselben Festival hörte ich Porqueddu, wie er Auszüge aus Gilardinos umfangreichem Werk aufführte. Sein Spiel hinterließ sofort Eindruck: eine außergewöhnliche Beherrschung von Klangfarbe, Timbre und dynamischen Nuancen, gepaart mit einer interpretatorischen Klarheit, die das Innenleben der Musik zu offenbaren schien.



In den folgenden Jahren stand ich mit Gilardino in Briefkontakt und hatte das Glück, ihn in seinem Haus in Vercelli zu besuchen. Im Mittelpunkt unserer Gespräche stand die Komposition. Zu dieser Zeit arbeitete er an seinen "Sette Preludi", und ich erinnere mich, wie ich ihm zuhörte, als er seinen Schaffensprozess ausführlich beschrieb.

Seitdem ist Porqueddu zu einem der wichtigsten Verfechter von Gilardinos Musik geworden, sowohl in Live-Aufführungen als auch auf Tonträgern. Seine Aufnahmen – insbesondere seine bahnbrechende Interpretation von Gilardinos "Studi di virtuosità e di trascendenza" – setzen außergewöhnliche Maßstäbe. Bei Live-Auftritten erhält sein Spiel eine fast überirdische Qualität, in der Präzision und Fantasie in einer seltenen Balance stehen.



Der unmittelbare Anstoß für "Rechordatio" kam, nachdem ich Porqueddu im Oktober 2022 in der Carnegie Hall gehört hatte. Dieses Konzert und die Zeit, die wir danach gemeinsam verbrachten, blieben mir lebhaft in Erinnerung. Am nächsten Morgen begann ich, dieses Stück zu skizzieren, um diese beiden Figuren – den Komponisten und den Interpreten – in einen einzigen musikalischen Raum zu bringen.

Im Kern des Werks steht eine einfache, aber fruchtbare Idee: die Töne A–G–E, abgeleitet von Angelos Namen und hier als A♭–G–E umgesetzt. Diese aus drei Noten bestehende Zelle fungiert sowohl als harmonischer als auch als motivischer Keim. Sie ist zunächst als Akkord im Eröffnungstakt zu hören – der "Angelo-Akkord" – und kehrt im gesamten Stück in variierten Formen zurück, fast wie ein Refrain. Auf diese Weise erinnert die Musik immer wieder an ihren Ursprung, ähnlich wie die Erinnerung selbst zurückkehrt: umgestaltet, aber beständig.

Der Titel "Rechordatio" spiegelt diese Idee des Erinnerns wider. Während "recordatio" (lateinisch: Erinnerung) die herkömmliche Form wäre, rückt das hinzugefügte "h" den Akkord in den Vordergrund – das klingende Objekt, durch das Erinnerung hörbar wird. Das Stück wird so nicht nur zu einem Denkmal, sondern zu einem fortwährenden Akt des Erinnerns in Klang.

Im weiteren Sinne spiegelt das Werk meine Auseinandersetzung mit Gilardinos Musiksprache wider, insbesondere mit seinem Umgang mit der Polyphonie. Seine Kompositionen erweitern die Ausdrucksmöglichkeiten der Gitarre durch fein abgestimmte Schichten aus Melodie und Klangfarbe, die oft durch subtile Wechsel der Saiten und Griffpositionen geprägt sind. In "Rechordatio" werden diese Ideen nicht nachgeahmt, sondern aufgenommen und neu interpretiert.

Das Stück ist eine Hommage an Gilardino, dessen Vermächtnis weiterhin nachhallt, und an Porqueddu, dessen Kunstfertigkeit dafür sorgt, dass dieses Vermächtnis im Klang lebendig bleibt.

— Thomas Schuttenhelm, Mai 2026