Bereits in den 60ern des letzten Jahrhunderts machte sich ein gewisser Jamie Aebersold daran, das Thema Improvisation unterrichtbar zu machen. Sein „Neuer Weg zur Jazz-Improvisation“ kam mit einer LP voller Playalong-Tracks daher, es folgten weitere zunächst pädagogisch ausgerichtete, später dann an großen Komponisten und Musikern ausgerichtete Titel. Weitere Verlage wie der Branchenriese Hal Leonard machten es nach und heute gibt es eine kunterbunte Landschaft unterschiedlicher Stücke in allen denkbaren Stilrichtungen (na gut, Free Jazz sicherlich nicht), die man auf diesem Weg erlernen kann. Doch ein Problem blieb:
Wie fängt man eigentlich mit dem Improvisieren an?
Hier möchte ich den Autor der Schule „Improvisieren lernen mit System“ Stephan Mattner aus seinem Vorwort zitieren:
Spielst du schon ein Instrument und möchtest dich an das Thema Improvisation herantasten? Du weißt aber nicht, wie dies geschehen soll und hörst von verschiedenen Stellen, dass man am besten „einfach drauf los“ spielen soll? Dabei bemerkst du aber, dass das Ergebnis aufgrund fehlenden Wissens nicht deinen Erwartungen entspricht und fragst dich: Wie gehe ich überhaupt an die Improvisation heran? Wo fange ich an?
Mit seinem Werk setzt Mattner an einem Punkt an, den bisherige Konzepte überspringen: Ganz vorn. Weiter heißt es im Vorwort:
Entgegen der Auffassung, dass Improvisation etwas intuitiv Spontanes ist, besteht sie vielmehr aus dem Abrufen, Kombinieren und Variieren von zuvor Erlerntem und ähnelt damit dem Erlernen einer Sprache mit ihrer Grammatik und dem sich ausbauenden Vokabular. Spontaneität und Individualität des Ausdrucks folgen, wenn die Grundlagen vorhanden sind, und bauen sich mit Übung und Praxis weiter aus. Dieses Buch verfolgt den Weg, direkt dem Klang der Sprache auf die Spur zu kommen, ihre Prinzipien durch das Hören und Sprechen zu erfassen und anzuwenden. Dieser Weg bringt automatisch mehr Spaß, Motivation und Erfolg.
Und das funktioniert tatsächlich. Schritt für Schritt liefert Mattner ein Konzept, das er im Buch ausschließlich über einen Blues erläutert und allmählich forciert. Mit jeder Lektion geht es behutsam weiter, dann folgen Stilmittel, Rhythmus und generell alles, was man mit Improvisation verbindet.
Hat man das Konzept verstanden, so ist der Schritt zum ersten (nicht allzu komplizierten) Jazzstandard gemacht. Man sucht sich ein Stück aus und wendet die Erkenntnisse auf die Akkorde des Standards an. So entsteht Sicherheit und gleichzeitig der Reiz, die selbst beziehungsweise vom Buch gesetzten Grenzen zu überschreiten. Ideal für alle, die sich bisher nicht zugetraut haben, den Schritt in die musikalische Freiheit zu wagen, die nur schwer von geschriebenen Noten wegkommen.
Stephan Mattner: Improvisieren lernen mit System Band 1
Besonderes Special von Band 1: Stephan Mattner unterstützt seine Leser mit eigenen Tutorials, die er auf seiner Website hinterlegt hat und in denen er selbst die Lektionen vorspielt:
Das sieht dann etwa so aus:
Und das zieht der Mann durch alle Lektionen durch!

Stephan Mattner: Improvisieren lernen mit System Band 1, Ausgaben erhältlich in Bb, Eb und C, erschienen bei Chili Notes
Stefan Mattner: Improvisieren lernen mit System Band 2
Der zweite Band der Improvisationsschule dient dann nicht direkt der Fortsetzung, sondern liefert vielmehr Material und Übungen, um sich nach Band 1 souverän in der Welt der Jazzharmonien und -tonleitern zu bewegen. Oft hört man die Frage „Gibt’s denn diese Tonleitern nicht auch mal alle aufgeschrieben?“ Ja, und zwar in Band zwei von „Improvisieren lernen mit System“. Sämtliche wichtigen Tonleitern werden hier durch alle Tonarten in drei Übungen durchgearbeitet – kein Heft, das man rigide durcharbeitet, sondern ein ergänzendes Kompendium, das man getrost gemeinsam mit Band 1 nutzen kann.

Stefan Mattner: Improvisieren lernen mit System Band 2, Ausgaben erhältlich in Bb, Eb und C, erschienen bei Chili Notes
Joe Degado: Pentatonik, für alle Instrumente
Wer dann Lust hat, sich einer bestimmten musikalischen Welt intensiver zu widmen, kann sich ergänzender Literatur bedienen. Hierfür hat der Musikverlag Chili Notes eine komplette Reihe ins Leben gerufen. Der sinnige Titel: Improvisation. Wer sich mit dem Improvisieren beschäftigt, kommt schnell auf das Thema Pentatonik. Hier bietet Joe Degado mit seinem gleichnamigen Notenband jede Menge Übungen und Anregungen in sämtlichen Tonarten. Das ist besonders wichtig, denn wer ein transponierendes Instrument spielt, lernt schnell, dass die bequemen Tonarten leider kaum üblich sind. Es sind vielmehr die für Harmonieinstrumente bequemen Tonarten, die zu üben sind. Da hilft ein solches Buch sehr, in dem Degado alle Tonleitern mit den entsprechenden Übungen notiert hat.

Joe Degado: Pentatonik, erschienen bei Chili Notes
Joe Degado: Changes & Scales, für alle Instrumente
Wer dann einen Schritt weiter gehen und sich mit dem Improvisieren über typische Akkordfortschreitungen des Jazz beschäftigen möchte, der ist bei Changes & Scales von Joe Degado gut aufgehoben. Hier geht der Autor Schritt für Schritt durch die jeweiligen diatonischen Systeme und liefert beispielsweise zu sämtlichen Akkorden einer Durtonart die passenden Übungen. So kann man sich als Solist sowohl auf die bunte Welt der Akkorde als auch auf ganz konkrete Tonarten vorbereiten.

Joe Degado: Changes & Scales, erschienen bei Chili Notes
Gernot Dechert: Basic Scales, für alle Instrumente
Gernot Dechert geht da etwas andere Wege. In seinem ersten Workout mit dem Titel Basic Scales erläutert er transparent und anschaulich den Weg vom Erlernen einer Tonleiter zum Pattern, also zur kleinen musikalischen Idee, die man dann ausbauen und an verschiedenen Stellen im Stück verwenden kann. So löst man mit diesem Heft gleichzeitig die Probleme mangelnde Kenntnis des Tonmaterials, fehlende Sicherheit bei Intervallen und Defizite beim Ideenfundus.

Gernot Dechert: Basic Scales, erschienen bei Chili Notes
Gernot Dechert: Funky Grooves, für alle Saxophone
Das zweite Workout dreht sich dann rund um einen Stil, der in der Instrumentalpädagogik immer etwas zu kurz kommt: Funk. Mit dem Titel Funky Grooves liefert Dechert hier jede Menge cooler rhythmischer Ideen – bewusst ohne ausgeschriebene Artikulation, denn hier soll man selbst kreativ werden. Jede Etüde ist ein Muster, das man schnell mit eigenen tonalen Ideen füllen kann und so sind diese Funky Grooves ein Füllhorn für alle Freunde von Funk & Soul.

Gernot Dechert: Funky Grooves, erschienen bei Chili Notes
Gernot Dechert: Funky Chromatics, für alle Saxophone
Workout Nummer drei behandelt schließlich das Thema Chromatik, denn eine Idee flugs in eine andere Tonart zu verpflanzen, ist nicht einfach und will geübt werden. So zum Beispiel mit Funky Chromatics, in denen Dechert geschickt seine Grooves durch sämtliche Tonarten führt.

Gernot Dechert: Funky Chromatics, für alle Saxophone, erschienen bei Chili Notes
Jamie Aebersold: Die II-V-I-Verbindung
Wer sich eine Weile mit typischen Jazz-Akkordfolgen („Changes“) befasst hat, stößt schnell auf die sogenannte II-V-I-Verbindung – eine Akkordfolge, die im Jazz über Jahrzehnte fast schon inflationär Verwendung fand und die auch heute noch sehr wichtig ist. Hier hat Jamie Aebersold bereits ein Referenzwerk für alle vorgelegt, die sich mit dem Thema intensiv beschäftigen wollen:
Wer allerdings schon auf einige Zeit des Übens rund um dieses Akkordklischee zurückblicken kann, der sucht vor allem nach Futter. Also nach spannenden Licks & Lines, die man über diese Akkordfolge üben und dann einsetzen kann. Der Berliner Saxophonist Friedemann Graef hat sich viel Zeit genommen, eine schier endlose Zahl an spannenden Ideen entwickelt und diese in seinem Notenband II-V-I-Workout zusammengefasst. Wem also nichts mehr einfällt: Hier geht’s weiter!

Friedemann Graef: The II-V-I Workout, erschienen bei Chili Notes
Grundsätzlich sollte diese Übersicht bereits klarstellen, dass man sehr wohl lernen kann, zu Improvisieren. Neben all den Kenntnissen und Übungen ist eines jedoch am wichtigsten: Der Mut zum Risiko. Doch welches Risiko geht man eigentlich ein in einer Zeit, die keine falschen Töne mehr kennt? Also: Ran an die Instrumente und losspielen – ihr könnt nur gewinnen!
Bastian Fiebig …
… spielt seit über 40 Jahren Saxophon und hat sich unmittelbar nach dem Ende der Schulzeit für das Leben als Musiker entschieden. Heute fühlt er sich in allen musikalischen Genres zuhause, gibt Workshops im europäischen In- und Ausland sowie Einzelunterricht und hat 1993 den Musikverlag Chili Notes gegründet. Mehr Informationen unter www.saxophon.com




