Den Takt vorgeben: Der Beruf des Dirigenten

Interview
Dirigent mit Taktstock

Sie fragen sich, wie die Arbeit eines Dirigenten im Detail aussieht oder wollen diesen Musikberuf selbst ergreifen? Wir haben den Dirigenten Raphael Haeger zu seinem Beruf interviewt und geben Ihnen einen Einblick in den Alltag und Werdegang eines solchen Berufsmusikers.

 

Unser Interviewpartner: Raphael Haeger
Porträt vom Dirigenten Raphael HaegerRaphael Haeger ist musikalisch vielseitig begabt und interessiert: Er unterstützt seit 2004 die Berliner Philharmoniker am Schlagzeug und ist auch Pianist bei der Gruppe Bolero Berlin. Von 2011 bis 2015 leitete er als Dirigent das Leipziger Universitätsorchester und dirigierte darüber hinaus beispielsweise die Begleitmusik von Richard Strauss zum Stummfilm „Der Rosenkavalier“ im Großen Festspielhaus und Schönbergs Pierrot Lunairey sowie das Ballett „Die Spielzeugschachtel“ von Claude Debussy in einer Bearbeitung für das Kammerorchester.

Am 21. Juni ist der Europäische Tag der Musik! An diesem Tag treten zahlreiche Profi- und Hobbymusiker kostenlos in den Straßen Europas auf und verbreiten den Klang aller Musikrichtungen. Wenn Sie eine Vorliebe für klassische Musik haben, dann werden Sie sicherlich auf einen ganz besonderen Musiker treffen, ohne den kein Ensemble reibungslos auftreten könnte: den Dirigenten.

Was sind die Aufgaben eines Dirigenten?

Alle Augen im Saal sind auf den Dirigenten gerichtet, als er konzentriert mit präzisen und gleichzeitig dynamischen Hand- und Taktstockbewegungen das Konzert einleitet. Hinter dieser scheinbaren Leichtigkeit bei der Aufführung steckt eine Menge Arbeit. Während die Konzertbesucher in diesem Moment nur einen Bruchteil des Aufgabenbereiches eines Dirigenten mitbekommen. Wir zeigen Ihnen wofür der Dirigent auf der Bühne zuständig ist und was sich hinter den Kulissen abspielt.

Auf der Bühne – Leiten und Koordinieren

Ohne den Dirigenten gäbe es bei einer Vorführung anstatt eines harmonischen Klangteppichs ein chaotisches Durcheinander.

„Das Besondere am Dirigieren ist für mich der umfassende Zugang zu einem Stück. Alle Aspekte einer Musik fließen beim Dirigenten zusammen“, erklärt Raphael Haeger die Vielseitigkeit des Dirigierens.

Insbesondere bei sehr großen Orchestern und komplexen Kompositionen erfüllt er eine essentielle Funktion: Der Dirigent ist nicht nur ein Koordinator, sondern ein musikalischer Leiter eines Ensembles oder Orchesters. Er gibt für alle Musiker den Takt vor und bestimmt somit auch das gemeinsame Tempo.

Zu Beginn eines Konzertes leitet er das Stück ein, zeigt den Musikern all ihre Einsätze an, bringt das Werk zur musikalischen Entfaltung und beendet es.

Dirigent Raphael Haeger mit Orchester

Als Dirigent ist Raphael Haeger mit voller Leidenschaft dabei und leitet das Musikstück auf der Bühne.

Vor den Proben – Historische und analysierende Vorarbeiten

Neben dem Leiten einer Aufführung leistet der Dirigent auch eine sorgfältige Vorarbeit, erklärt Raphael Haeger: „Meine Aufgabe als Dirigent ist es, den Musikern ein Werk zu vermitteln, seine Gestalt, seine Form, seinen Inhalt. Daraus ergibt sich eine gemeinsame Vorstellung, wie wir das jeweilige Werk dann spielen. Bevor wir die erste Probe haben, sitze ich viele Tage an einem Tisch und lese die Partitur. Zwischendurch setze ich mich ans Klavier und spiele mir Teile daraus selbst vor.“

Meist kann der Dirigent eine Partitur, unter der eine gesammelte Aufzeichnung aller Noten für jedes Instrument eines Ensembles verstanden wird, nach einem ausführlichen Studium in- und auswendig.

Zusätzlich ist es sehr wichtig, die musikalischen Strukturen eines Werkes zu analysieren und sich mit dem historischen Entstehungskontext, in den es eingebettet ist, zu befassen.

Das Ziel des Dirigenten ist es, dem Klanggefühl des Komponisten möglichst nahe zu kommen. Durch seine eigene Interpretation verleiht er dem Stück jedoch auch automatisch eine persönliche Note. Der Dirigent entwickelt während seiner beruflichen Laufbahn einen ganz eigenen Stil und weiß genau, wie das Stück später bei der Vorführung klingen sollte. Somit ist er maßgeblich für die künstlerische Darstellung eines Werkes verantwortlich.

Mann spielt Klavier mit Noten

Vor den Proben analysiert der Dirigent das Werk und spielt anhand der Partitur Passagen am Klavier durch.

Nicht nur Dirigieren: Organisation und Verwaltung gehören dazu

Zum Aufgabengebiet eines Dirigenten gehört nicht nur das musikalische Leiten und die Aufbereitung eines Musikstücks.

 „Die meisten Dirigenten müssen sich einen Großteil ihrer Zeit um organisatorische und administrative Dinge kümmern, und leiden darunter. Ich manchmal auch“, merkt Raphael Haeger an.

 Oft ist ein Dirigent zusätzlich dazu verpflichtet Aufführungen, Aufnahmen und Ähnliches vorzubereiten. Darunter fällt beispielsweise die geeignete Auswahl eines Werkes und die darauffolgende Beschaffung des Notenmaterials. Es kommt zum Beispiel auch infrage, eine Zusammenarbeit mit Chören oder Spezialensembles für ein großes Spektakel zu organisieren.

Ein weites Berufsfeld

„Dirigenten braucht man gewöhnlich überall da, wo viele Musiker oder Sänger gebraucht werden. Aber ich habe auch schon Stücke für vier Musiker dirigiert, weil die Musik so schwer war, dass ein Dirigent nötig wurde“, erzählt Raphael Haeger.

Der Beruf eines Dirigenten bietet somit ein breit gefächertes Tätigkeitsfeld. Er kann beispielsweise an Philharmonien, Symphonie- und Rundfunkorchestern, Chören, Ballettensembles, an Opernhäusern, Theatern oder Musikschulen beschäftigt sein

Dirigent mit Orchester bei einer Aufführung

In einem Orchester erfüllt jedes Mitglied eine besondere Aufgabe – so auch der Dirigent als sein musikalischer Leiter.

Wie wird man Dirigent?

Auf die Frage, welche Qualitäten seiner Meinung nach ein angehender Dirigent mit sich bringen sollte, antwortet Raphael Haeger: „Kaum ein Beruf, kaum eine Tätigkeit ist so rätselhaft wie das Dirigieren. Unter den größten Dirigenten der letzten hundert Jahre gibt es welche, die ihre Vorstellungen nur durch Bewegungen vermitteln können, andere können besonders gut erzählen, sagen, was sie hören wollen.“ Eines aber haben seiner Ansicht nach alle von ihnen gemein: „Was alle guten Dirigenten meiner Meinung nach verbindet, ist Erfahrung. Das junge Genie, das irgendwie vom Himmel gefallen ist, das ist ein Märchen.“

Welche Voraussetzungen sollte man erfüllen?

Um den Beruf eines Dirigenten ergreifen zu können, sollten Sie in erster Linie musikalisches Talent mitbringen. Darunter fallen vor allem Rhythmusgefühl, ein ausgezeichnetes Gehör, sowie ein gutes Musikgedächtnis. Außerdem sollten Sie Klavier oder andere Instrumente spielen können; hierbei ist auch sängerische Erfahrung von Vorteil. Darüber hinaus wird ein gewisses Maß an kulturhistorischem Wissen und Interesse erwartet, da die Musik und deren Geschichte Hand in Hand gehen.

Neben dem musikalischen Aspekt sind Dirigenten auch wahre Menschenkenner, denn beim Dirigieren sind auch pädagogisches Geschick, Kontaktfähigkeit und Führungsqualitäten von Bedeutung. Auch die körperliche Leistungsfähigkeit sollte nicht unterschätzt werden, da das Dirigieren ein körperlich anstrengender Beruf ist.

Im Idealfall können Sie ein Abitur als Schulabschluss vorweisen, in der Regel ist mindestens die Mittlere Reife als Zulassung zu einer Dirigentenklasse einer Akademie oder Musikhochschule notwendig. Darüber hinaus müssen Sie in einer Aufnahmeprüfung Ihre Eignung für diesen Beruf unter Beweis stellen.

Person analysiert Noten eines Musikstückes

Um ein Dirigent werden zu können, sind vielseitige musikalische Fähigkeiten von großer Bedeutung.

Welchen Bildungsweg muss man dafür einschlagen?

Der beste Weg Dirigent zu werden, ist es ein Dirigenten-Studium an einer Universität, Musikhochschule oder an einem Konservatorium zu ergreifen. Außerdem besteht die Möglichkeit sich bereits während der studentischen Laufbahn auf einen gewissen Schwerpunkt spezialisieren. Wenn Sie zum Beispiel Chordirektor werden wollen, können Sie sich gezielt auf die Chorleitung festlegen.

Unser Artikel „Wo nur studieren? Die Musikhochschulen Deutschlands – eine Übersicht“ hilft Ihnen dabei herauszufinden, welche Einrichtung für Sie die richtige ist.

Dirigent leitet Chor

Während des Studiums hat der angehende Dirigent meist die Option sich zu spezialisieren, in diesem Fall als Chordirektor.

Auch Musiker ohne eigentliche Dirigentenausbildung können den Beruf ergreifen. Raphael Haeger hat auf die Frage, ob man jederzeit einsteigen könne, eine klare Antwort: „Ich meine ja. Sonst müsste ich (als typischer Quereinsteiger) ja als erster wieder hinschmeißen! Es kommt darauf an, wie ernst man die Sache nimmt, und zwar nicht die Karriere, sondern das Dirigieren selbst und alles, was dazugehört.“

Raphael Haegers Karriere ist eines der besten Beispiele dafür, dass man auch ein erfolgreicher Dirigent werden kann, ohne diesen Beruf von Anfang an anzustreben:

Haeger fing bereits mit vier Jahren an Schlagzeug zu spielen. Inspiriert von seinem ersten Instrument schloss er ein Schlagzeugstudium an der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen ab. Ab dem Jahr 1994 spielte Raphael Haeger elf Jahre lang Schlagzeug im Orchester des Nationaltheaters Mannheim, wo er außerdem vom Klavier aus die sehr beliebte Konzertreihe „Jazz in der Oper“ leitete.

„Ich bin mit Leib und Seele Orchestermusiker bei den Berliner Philharmonikern“, erzählt Haeger, „Leider ist bei einigen der ganz großen Komponisten, wie Beethoven, Mozart, Haydn, Wagner oder Bruckner kein oder kaum Schlagzeug vorgesehen. Diese Musik wollte ich unbedingt auch machen und so kam ich zum Dirigieren.“  Augenzwinkernd fügt er hinzu: „Die Welt kann froh sein, dass ich nicht das Singen angefangen habe!“

Wir danken Raphael Haeger für das spannende Interview und das Teilen seiner Erfahrungen als Dirigent!

Noten für jeden Musikberuf

Sie wollen noch mehr zu professionellen Musikberufen erfahren? Dann lassen Sie sich von unserem Beitrag „Die Leidenschaft zum Beruf machen – Welche Musikberufe gibt es?“ inspirieren!

Wenn Sie auf der Suche nach einem neuen Musikstück zur Aufführung sind, stöbern Sie in unserem Online Shop, dort finden Sie eine vielseitige Auswahl an Noten. Musikbücher zum Thema Dirigieren finden Sie hier. Besonders können wir folgendes Buch mit DVD von Barbara Rucha empfehlen:

 

Crashkurs Dirigieren
Cover Crashkurs Dirigieren„Crashkurs Dirigieren“ führt in die Kunst des Dirigierens ein. Besondere Begabungen sind nicht erforderlich. Kenntnisse in Musiktheorie, auf einem Instrument und im Gesang sind von Vorteil oder sollten zeitgleich erworben und vertieft werden. Neugier und Lust auf diese spannende musikalische Tätigkeit sind ausgesprochen erwünscht! Die Grundlagen der Dirigiertechnik werden hier anschaulich erklärt und in Bezug auf unterschiedliche Vokal- und Instrumentalensembles differenziert. Der Fokus liegt auf praktischen Hinweisen zum Selbststudium und pragmatischen Tipps zu probentechnischen, organisatorischen und führungstechnischen Fragen. „Crashkurs Dirigieren“ versteht sich als Handbuch für Einsteiger und zum Auffrischen der eigenen Kenntnisse.

Wir hoffen wir konnten Ihnen einen Einblick in den Beruf eines Dirigenten geben und wünschen Ihnen viel Erfolg, falls Sie diesen Berufswunsch anstreben!

 


Bildnachweis:
Beitragsbild: © iStock\cyano66, Bild 1 (Porträt): © Jim Rakete, Bild 2: © Monika Rittershaus, Bild 3: © iStock\compuinfoto, Bild 4: © iStock\pius99, Bild 5: © iStock\MichaelNivelet, Bild 6: © iStock\DaveLongMedia, Bild 7: alle-noten.de

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