Zum 20. Todestag von Falco: Ein unsterblicher Grenzgänger

musiker
Verschiedene Falco-LPs, die frei angeordnet sind.

Als die Frage „Alles klar, Herr Kommissar?“ in der Silvesternacht 1997/1998 durch die Lautsprecher in Excalibur City tönt, bricht das Publikum in tosenden Applaus aus. Alle Blicke sind gebannt auf die noch stockdunkle Bühne gerichtet. Erst nach einigen Akkorden betritt Falco selbst, gekleidet in einen langen Ledermantel, mit seiner bekannt lässigen Eleganz die Szenerie. Dass die Gala sein letzter offizieller Auftritt sein sollte, hätte an diesem Abend niemand gedacht. Zu Falcos 20. Todestag wollen wir einem unsterblichen Grenzgänger gedenken.

Wie alles begann: Wien als geistige und musikalische Heimat

Hans Hölzel, alias Falco, gilt noch heute als Österreichs einziger Welt-Popstar. Stets umgeben von einem schwierigen Ruf erlebte der Wiener Ausnahmekünstler Höhen und Tiefen, Ruhm und Einsamkeit. Zu seinem 20. Todestag wollen wir noch einmal einen Blick auf sein außergewöhnliches Leben werfen. Denn, wenn eines auf Falco zutrifft, dann: He did it his way!

Von Hans Hölzel zu Falco

Am 19. Februar 1957 kam Johann Hölzel – von seinen engen Freunden stets Hans und von seiner Mutter liebevoll Hansi genannt – in Wien zur Welt. Aufgewachsen im 5. Wiener Gemeindebezirk Margareten zeichnete sich bei dem einzigen Kind der Familie schon bald die Liebe zur Musik und ein besonderes musikalisches Talent ab. Bereits im Alter von fünf Jahren erkannte die Wiener Musikakademie das absolute Gehör des jungen Hans Hölzel.

Später folgte nach einer abgebrochenen Lehre zum Bürokaufmann ein einsemestriges Intermezzo am Wiener Musikkonservatorium, das der gerade volljährige Hans aber quittierte, um sich voll und ganz seiner Leidenschaft, dem Musikmachen, im praktischen Sinne zu widmen. Sein Weg führte ihn in dieser Zeit durch die Underground-Clubs der avantgardistisch geprägten Berliner Musikszene und schließlich zurück in seine Heimat – nach Wien – wo alles beginnen sollte.

Im Januar 1978 entschied Hölzel, sich einen einprägsamen Künstlernamen zuzulegen, um sich als Musiker besser vermarkten zu können. Als er beim Neujahrsspringen den erfolgreichen DDR-Skispringer Falko Weißpflog, der stets in den Medien Falke genannt wurde, zum ersten Mal sah, war für ihn schnell klar: An den Höhenflug des Falken müsse man anknüpfen. Aus Falko mit „k“ wurde – der Internationalität wegen – Falco mit „c“. Ein Künstler beziehungsweise eine Kunstfigur war geboren, die auch heute, 20 Jahre nach seinem Tod, nicht vergessen ist.

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Über Wien bis nach Amerika

Bei einem Konzert der politischen Anarcho-Band Drahdiwaberl, mit der Hans Hölzel seit 1978 als Bassist und gelegentlich auch als Sänger auftrat, wurde Falco wegen seiner umstrittenen Nummer Ganz Wien von einem österreichischen Plattenunternehmen entdeckt und als Solokünstler unter Vertrag genommen.

Im Herbst 1981 veröffentlichte man den Titel Der Kommissar, der sich europaweit als kommerzieller Club-Hit etablierte und den jungen Wiener als Künstler bekannt machte. Auch in den US-Charts schlug der Song ein und Falco war damit nach Kraftwerk der zweite Künstler, der sich mit einem deutschsprachigen Text eine vielversprechende Position in Amerika sichern konnte.

Die folgenden Studioalben Einzelhaft und Junge Roemer verzeichneten weiterhin einen aufstrebenden Erfolg des exaltierten Musikers, aber erst mit seiner Platte Falco 3 gelang ihm zwischen 1985 und 1987 der internationale Durchbruch. Rock Me Amadeus – sein noch bis heute größter Hit –, Jeanny und Vienna Calling wurden als Single ausgekoppelt und Falco sicherte sich damit den lang ersehnten Weltruhm.

Mit dem Erfolg wurden aber auch die Zweifel an den eigenen Möglichkeiten größer und der immerwährende Kampf des Künstlers mit und vor allem gegen sich selbst begann. Nach einer kräftezehrenden Tour durch Japan im Jahr 1987 beschloss Hans Hölzel letztlich, die Weltstar-Attitüde abzulegen, Amerika den Rücken zu kehren und seinen Blick wieder auf Wien zu richten. Seine Entscheidung, auf Konzerte in den USA zu verzichten und sich vermehrt aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, begründete er in einem Interview mit den Worten: „Ich hätte oftmals Gelegenheit gehabt, nach Amerika zu gehen. Ich habe es nicht getan, weil das Schönste an der amerikanischen Fahne die rotweißroten Streifen sind.“

Was bleibt: Wiener Schmäh und zeitlose Kunst

Falco war nicht nur Österreichs einziger Popstar von Welt, sondern auch ein Ausnahmekünstler, der seiner Zeit schon immer weit voraus war. Denken wir hier einmal weniger an Falco als das ultimative Rock-Idol, sondern an Falco als den wie so oft bezeichneten „ersten weißen Rapper“. Mit seinem Song Der Kommissar gilt er noch heute in der Hip-Hop-Szene als der Urvater des Deutsch-Rap, während er hier selbst wohl eher von Wiener Schmäh oder besser Wiener Hip-Hop sprechen würde.

Falco war stets getrieben von seiner musikalischen Weiterentwicklung, von künstlerischem Schaffen und natürlich von seinem leidvollen Streben nach Ruhm. Obwohl heutzutage immer wieder Alkohol und Drogen als die größte Tragödie seines Lebens bezeichnet werden, ist eigentlich vor allem eines für seine legendären Hits wie auch seinen persönlichen Untergang verantwortlich: der hohe, ja stets ungenügende Anspruch an sich selbst.

Dieser Anspruch, gepaart mit dem grenzenlosen Willen nach Veränderung, hat Falco postum nicht nur zu einem legendären Künstler werden lassen, sondern auch dafür gesorgt, dass er eigentlich keinem musikalischen Genre so richtig zuzuordnen ist: Wir finden bei ihm bedeutende Einflüsse aus dem Rock, Pop, Hip-Hop, Funk und sogar Techno.

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Wer aber war Falco eigentlich? Diese Frage ist schwer, vielleicht für uns Außenstehende sogar nahezu unmöglich zu beantworten. Blickt man auf Hans Hölzels – oder besser gesagt auf Falcos – Werdegang zurück, wird man zumindest eines feststellen können: Er war ein Künstler durch und durch. Ein experimenteller Sprachkünstler im Sinne Ernst Jandls beziehungsweise der Wiener Gruppe. Eine Kunstfigur, die sich immer wieder neu erfand und dabei auf gesellschaftliche wie musikalische Konventionen pfiff. Eine gespaltene, ja fast schon schizophrene Persönlichkeit. Und letztlich ein Grenzgänger zwischen Sein und Nichtsein. Ein Zerrissener.

Falcos Greatest Hits

Falcos Musik wurde seit jeher geliebt, gehasst und sogar von zahlreichen Radiosendern boykottiert. Trotzdem oder gerade deshalb sind seine Songs heute unsterblich. Zu seinem 20. Todestag wollen wir noch einmal seine größten Hits genießen.

Der Kommissar

Der Song Der Kommissar wurde 1981 veröffentlicht und war die erste Singleauskopplung aus Falcos Debütalbum Einzelhaft. Der Titel entwickelte sich nicht nur in Europa zu einem Nummer-eins-Hit, sondern erlangte auch in Japan und Australien Top-Ten-Platzierungen. Den Text in Hochdeutsch und Wienerisch schrieb Hans Hölzel angeblich innerhalb von drei Tagen.

Mit seinem gewienerten Sprechgesang, wie er in dem Song Der Kommissar zu hören ist, gilt Falco noch heute als einer der ersten deutschsprachigen Rapper. Er selbst bezeichnete sich gerne in diesem Zusammenhang leicht überheblich als „Godfather des weißen Rap“ und war stets Vorbild für Hip-Hop-Gruppen wie Fettes Brot und die Fantastischen Vier.

Rock Me Amadeus

Rock Me Amadeus wurde als erste Singleauskopplung aus dem Album Falco 3 im Jahr 1985 veröffentlicht. Noch bis heute ist Falcos exaltierter Mozart-Abgesang das einzige deutschsprachige Lied, das die Spitze der Billboard-Charts und der UK Top 40 erobern konnte. In Amerika blieb er damit für drei Wochen die unangefochtene Nummer eins.

Ein Lied über Mozart zu produzieren oder gar mit dem gebürtigen Salzburger verglichen zu werden, rief bei Falco allerdings anfangs größten Wiederstand hervor. Letztlich setzte sich aber sein Management durch und Rock Me Amadeus wurde für den Sänger Fluch und Segen zugleich: Der Song war sein größter Erfolg. Ein Ruhm, an den er später nie wieder anzuknüpfen vermochte. Und das wusste er.

Wenn uns Falco in seinem Video zu Rock Me Amadeus als moderner Mozart mit bunter Punk-Perücke entgegenblickt, erkennen wir neben der geglückten Inszenierung seines Alter Ego auch den zeitlebens verspürten Drang des Künstlers nach dem Anderssein: den Drang nach musikalischer Veränderung und den Drang, jegliche gesellschaftliche Konventionen über den Haufen zu werfen. Koste es, was es wolle. Dass Falco sich – wenn auch vielleicht nur im Unterbewusstsein – stets als einen extremistischen Mozart seiner Zeit gesehen hat, daran besteht hier aber kein Zweifel.

Jeanny

Falcos Jeanny – auch Jeanny Part 1 genannt – gilt wohl als einer der skandalösesten Popsongs der Achtziger Jahre, der aber trotz oder gerade wegen aller Kritik zu einem seiner bedeutendsten Hits avancierte. Jeanny wurde mit 2,5 Millionen verkauften Platten zur meistverkauften Single im Jahr 1986 und hielt sich ganze 22 Wochen auf Platz 1 der deutschen Charts.

In der Rolle eines psychopatischen Stalkers und Frauenmörders brachte Falco mit der Veröffentlichung von Jeanny nicht nur Frauenrechtler gegen sich auf, sondern sorgte auch bei zahlreichen Radio- und TV-Sendern für eine Welle der Empörung. Niemals zuvor hatte ein Künstler eine Gewalttat derart inszeniert und verherrlicht. Die Quittung: Der Song wurde boykottiert und die meisten Rundfunkstationen weigerten sich, Jeanny zu spielen.

Dass Jeanny für Falco aber trotz der düsteren Thematik ein „Liebeslied“ gewesen sei, dem weitere Fortsetzungen folgten, wissen nur wenige. Die Single Coming Home aus dem Album Emotional gilt offiziell als Jeanny Part 2. Als abschließenden Teil der Jeanny-Trilogie wurde 2009 postum der Titel The Spirit Never Dies – auch bekannt als Jeanny Final – veröffentlicht. Den Song hatte Falco aber ursprünglich im Jahr 1988 bereits für das Album Wiener Blut aufgenommen.

Ein tragischer Untergang

Am 6. Februar 1988 spätnachmittags sitzt Falco in seinem schwarzen Mitsubishi Pajero vor dem Restaurant „Turist Disco“ in der Nähe von Puerto Plata in der Dominikanischen Republik, seiner Wahlheimat. Er hört die Songs seines bereits eingesungenen Albums Out of the Dark (Into the Light) rauf und runter. Mit der Reihenfolge ist er noch nicht ganz zufrieden. Es muss schließlich alles perfekt sein – vor allem bei diesem Album, das als Comeback geplant ist.

Gegen 16:40 Uhr fährt Hans Hölzel auf die schlecht einsehbare Straße. Ein Knall. Ein Reisebus hat den Geländewagen des Sängers nicht kommen sehen. Falco ist sofort tot. Bei der Obduktion stellt man einen Alkoholspiegel von 1,5 Promille und Spuren von Kokain und THC in seinem Blut fest.

Acht Tage später wurde Falco im Beisein tausender Fans und Freunde auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Sein Sarg wurde von Mitgliedern der Wiener Motorradrocker Outsider Austria, die Falco bereits im Video zu Rock Me Amadeus unterstützt hatten, zu Grabe getragen. Auch heute noch wird sein gläserner Schrein als Pilgerstätte von zahlreichen Fans besucht.

Muss ich denn sterben, um zu leben?

Nach Falcos Tod kam wegen der Zeile „Muss ich denn sterben, um zu leben?“ aus dem postum veröffentlichten Song Out of the Dark (Into the Light) immer wieder das mediale Gerücht auf, er habe sich selbst das Leben genommen. Das erscheint jedoch unwahrscheinlich. Denn der Titel entstand bereits einige Jahre vor dem tragischen Unfall und wurde auch nicht von Falco selbst, sondern von Torsten Börger geschrieben.

Freunde und Verwandte waren stets der Ansicht: Der Hans hätte niemals Selbstmord begangen. Falco hatte während seiner Auszeit in der Dominikanischen Republik Pläne geschmiedet. Er wollte an alte Erfolge anknüpfen, wieder zu sich finden und vor allem: sich noch einmal als Künstler neu erfinden. Und letztlich ist ihm das auch mit Out of the Dark (Into the Light) gelungen. Falcos achtes Studioalbum hat sich in Deutschland und Österreich zwei Millionen Mal verkauft, die gleichnamige Single über 3,5 Millionen Mal.

Bleibt nur noch zu sagen:

Er war ein Superstar

Er war so populär

Er war so exaltiert

Genau das war sein Flair


Bildnachweis:
Titelbild: © alle-noten.de

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