Der Chor als Hobby: Motivation oder Überforderung?

Interview

Es gibt die unterschiedlichsten Arten von Laienchören, aber alle haben eines gemeinsam: Sie sollen Sängern und Publikum Spaß machen und Nicht-Berufsmusikern die Möglichkeit bieten, ihrer Leidenschaft, dem Singen, nachzugehen.

Allerdings ist die Tätigkeit eines Hobby-Sängers auch häufig mit anstrengenden Proben, zahlreichen Auftritten oder Chorwochenenden verbunden. Für Chorleiter kann es deshalb manchmal ein schwieriger Balance-Akt sein, einen Mittelweg zwischen Leistungsdruck und Spaß zu finden.

Zu Hause proben? Wie viel Professionalität wird von Hobby-Sängern in Chören erwartet?

Zu Hause proben? Wie viel Professionalität wird von Hobby-Sängern in Chören erwartet?

Wir haben für Sie bei 3 Chorleitern von unterschiedlichen Münchner Chören nachgefragt, wie in ihrem Chor mit Motivation, Spaß, aber auch Überforderung und Anstrengung umgegangen wird.

Christian Bischof von St. Margaret

Motivation_09Christian Bischof ist der Leiter der Chöre der Münchner Stadtkirche St. Margaret.
Das Angebot der Pfarrei ist vielfältig: „In St. Margaret gibt es verschiedene Chorgruppen: Drei verschiedene Kinderchorgruppen (den Altersstufen entsprechend), einen Jugendchor, eine Schola, einen aus ungefähr 65 Sängerinnen und Sänger bestehenden großen gemischten Chor bis hin zu einem Kammerchor, der auch für ambitioniertere Laien geeignet ist.

Jörg Göller von „Chormäleon“

Sein Chor „Chormäleon“ zeichnet sich laut Jörg Göller durch „gemeinsame Arbeit mit viel Spaß an verschiedensten Stilen und Werken sowie durch stimmbildungstechnische Hilfestellungen für die Choristen und einen unorthodoxen Chorleiter“ aus.

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Jörg Göller (vorne) mit seinem Chor.

Gerlinde Adler-Kemmer von „Chori-Feen“

Motivation_10Chorleiterin Gerlinde Adler-Kemmer bietet ihrem Damenchor „Chori-Feen“Stimmbildung, Atemtechnik und unter anderem die verschiedenen Genres Volkslied, Kunstlied, Schlager, Gschtanzln, geistliche Musik und Gospel.“ Die ausgebildete Sängerin und Gesangspädagogin arbeitet mit ihren Hobby-Sängerinnen auch atem- und gesangstechnisch.

Vereinbarkeit mit dem Beruf?

Laut Christian Bischof ist selbst ein anstrengender Vollzeit-Job durchaus vereinbar mit einer Chormitgliedschaft, „wobei es durch flexiblere Arbeitszeiten für manche auch immer schwieriger wird, regelmäßig an den Proben teilzunehmen. Ich erstelle meinen Probenplan deshalb schon im Voraus für ein komplettes Jahr, sodass die Sängerinnen und Sänger besser planen können.“

Der Chor der Münchner Stadtkirche St. Margaret bei der Probe.

Der Chor der Münchner Stadtkirche St. Margaret bei der Probe.

Für die „Chormäleon“-Sänger ist der Zeitaufwand laut Jörg Göller sehr unterschiedlich, je nachdem, wie umfangreich und anspruchsvoll die jeweiligen Werke sind:

„In der Regel finden Proben einmal in der Woche statt. Im Falle anstehender Konzerte können auch mal Wochenendproben anfallen. Es gibt sehr viele Choristen, die sich auch vorab daheim mit der jeweiligen Materie beschäftigen, allerdings erwarte ich das keinesfalls. Eigentlich ist das unglaublich, wie engagiert von den Mitgliedern vorgegangen wird.

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Verpflichtungen und Überforderung in einem Laienchor?

Wie genau sehen die Verpflichtungen eines Laienchoristen aus? Besteht die Gefahr einer Überforderung? Christian Bischof ist der Meinung, dass diejenigen, die bei Chorgruppen mitsingen, genau wissen, was auf sie zukommt:

„Neue interessierte Sänger können einfach nur reinschnuppern und wieder aufhören, falls sie sich unwohl oder überfordert fühlen – das habe ich jedoch ganz selten erlebt.

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„Bei meinem großen Chor haben die Sänger mit Gottesdiensten, Probenwochenende, Zusatzproben und Konzerten ca. 140 Stunden Zeitaufwand pro Jahr“, so Christian Bischof.

Bei den meisten Laienchören gehört es dazu, selbstständig zu Hause zu üben, wie zum Beispiel bei Christian Bischofs Chören:

Einige üben freiwillig und gerne, weil es ihnen Spaß macht. Andere tun es, weil sie mehrmals bei Proben gefehlt haben. Ein häusliches Üben lege ich nur vor Konzerten mit schwierigen Werken ans Herz, manchmal erstelle ich dazu eigene Übungs-CDs für diejenigen, die sich die Töne am Klavier nicht selbst vorspielen können. Beim Kammerchor allerdings erwarte ich eine Vorbereitung zu Hause, so kann in den Proben hauptsächlich an der Musik und am Klang gefeilt werden.

Der Chor der Pfarrei St. Margaret live.

Der Chor der Pfarrei St. Margaret live.

Bei den „Chori-Feen“ wird ebenfalls nur dann zu Hause geübt, „wenn ein Auftritt ansteht, zumal wir manche Lieder auch auswendig singen. Oft bekommen die Chormitglieder eine elektronische Hilfe, mit aufgenommenen Stimmen, die sie über PC oder Handy abhören können“, so Gerlinde Adler-Kemmer.

Der Damenchor „Chori-Feen“ besteht bereits seit 1997.

Der Damenchor „Chori-Feen“ besteht bereits seit 1997.

Auch Jörg Göller sieht bei seinen „Chormäleons“ keine Gefahr der Überanstrengung: „Die Konzerte halten sich in Grenzen – und das Singen macht laut Aussage der Chormäleons viel zu viel Spaß, als dass es als Überforderung angesehen werden könnte. Eine wöchentliche Probe muss klappen – und die paar Konzerte finden meist am Wochenende statt.“

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Laut Jörg Göller von „Chormäleon“ „sollte nie vergessen werden, ob man in erster Linie ein ‚Spaßchor‘ oder doch eher ein ‚Konzertchor‘ ist.“

Der Laienchor als guter Ausgleich zum Berufsleben

Um in einem Laienchor mitwirken zu können, sollte man laut Bischof „Freude an der Musik und am Singen und das Bewusstsein, ein Teil einer Gemeinschaft zu sein, mitbringen. Außerdem muss man sich auf bestimmte Stimmübungen und Lernprozesse einlassen und möglichst regelmäßig an den Proben und Aufführungen teilnehmen“.

Aber der Chor gibt den einzelnen Mitgliedern auch viel zurück: „Viele Chormitglieder empfinden das Singen als wohltuenden Ausgleich zur Arbeit und zum Alltag und schätzen das auch sehr“, so Bischof.

„Ein Laienchor schafft einen Ausgleich zum Alltag, und die Möglichkeit, an der gottesdienstlichen Gestaltung oder bei Konzerten mitzuwirken.“, so Christian Bischof.

„Ein Laienchor schafft einen Ausgleich zum Alltag, und die Möglichkeit, an der gottesdienstlichen Gestaltung oder bei Konzerten mitzuwirken.“, so Christian Bischof.

So motivieren Chorleiter die Hobby-Sänger

Wie schafft es ein Chorleiter, seine Choristen zu den Proben und Auftritten zu motivieren?

Für Jörg Göller ist es „sehr wichtig, eine gute Mischung aus den Musikstücken zu finden, damit für jeden etwas dabei ist. Die gemeinsame Arbeit an der Musik lässt sehr selten Gedanken an einen ,Schlendrian´ aufkommen. Aber natürlich gibt es immer wieder triftige Gründe, die bei manchen einen konsequenten Probenbesuch und einen Konzertauftritt unmöglich machen.“

Jörg Göller motiviert seine „Chormäleons“, indem er versucht, „auf die jeweiligen Vibes des Chores zu achten und dann auf immer wieder neue Situationen zu reagieren.“

Jörg Göller motiviert seine „Chormäleons“, indem er versucht, „auf die jeweiligen Vibes des Chores zu achten und dann auf immer wieder neue Situationen zu reagieren.“

Unter der Leitung von Christian Bischof geschieht die Motivation anhandmehrerer Parameter:

„Zum einen ist es die Gemeinschaft, die im Chor entsteht und für viele sehr wertvoll ist. Viele Freundschaften oder Beziehungen sind schon in Chören entstanden. Geselliges Zusammensitzen nach Proben oder Konzerten wie auch durch das Gefühl, dass alle an einem Strang ziehen und etwas Großes entsteht, erzeugen und stärken die Gemeinschaft.

Dann ist es das persönliche Bestreben, gewisse Werke der Chorliteratur selbst einmal zu musizieren. Natürlich trägt die persönliche und fachliche Art des Chorleiters seinen Anteil daran.“

„Die Gemeinschaft wird durch gemeinsame Chorreisen und Chorwochenenden gestärkt“, so Christian Bischof.

„Die Gemeinschaft wird durch gemeinsame Chorreisen und Chorwochenenden gestärkt“, so Christian Bischof.

Gerlinde Adler-Kemmer motiviert ihre „Chori-Feen“ vor allem „durch die Lieder und durch Autorität im positiven Sinne und Solidarität. Um an einem Laienchor Spaß zu haben, sollte man vor allem Lust auf Gesellschaft, Freude an der Musik, Neugier, etwas Neues zu lernen, Durchhaltevermögen und etwas Musikalität mitbringen.

Frauen-Power: Die „Chori-Feen“ bei einem Chor-Treffen.

Frauen-Power: Die „Chori-Feen“ bei einem Chor-Treffen.

Mehrstimmig einstimmiges Fazit: Viel Spaß und wenig Überforderung

Auch wenn Christian Bischof, Jörg Göller und Gerlinde Adler-Kemmer sehr unterschiedliche Chöre leiten, haben alle drei das gleiche Ziel: Ihr Chor soll für die Mitglieder vorwiegend Spaß und einen Ausgleich zum Alltag bedeuten und sie geben ihr Bestes, um die Hobby-Sänger nicht zu über- aber auch nicht zu unterfordern. Und das wirkt auch nicht so schwierig, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei unseren 3 Interviewpartnern. Wir hoffen, Sie konnten sich durch unsere Interviews ein besseres Bild von der Arbeit eines Laienchors bilden. Falls Sie nun selbst Interesse daran gefunden haben, einem Chor beizutreten, finden Sie bei uns garantiert die passenden Chornoten.


 

Bildnachweise:
Bild 1: © iStock/eurobanks, Bild 2: © Mark Noormann, Bilder 3, 6, 10, 12: © www.chormaeleon.de, Bilder 4, 9, 14: www.chori-feen.de.vu, Bilder 5, 7, 8, 13: © Christian Bischof, Bild 11: © Andreas Krinke

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