Experteninterview: Diese Tipps helfen gegen Lampenfieber

Interview
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Bühnenangst ist ein Problem, das viele Musiker beschäftigt. Fast jeder hatte schon mal vor einem Aufritt Lampenfieber. Der professionelle Gitarrenlehrer und Musiker Christan Konrad zeigt Ihnen, wie Sie Ihre Nervosität vor einem Konzert erfolgreich besiegen.

Christian Konrad
Lampenfieber_1… spielte sowohl erfolgreich als Gitarrist in Bands, als auch auf Kreuzfahrtschiffen. Seit 2011 ist er wieder regelmäßig im Bereich Musical tätig. Der erfahrene Gitarrenlehrer verfasst außerdem Workshops für das Onlinemagazin „Bonedo“ und betreibt seit 2014 die Seite www.gitarrenvideounterricht.de. Hier veröffentlicht er regelmäßig sowohl kostenlose, als auch kostenpflichtige Unterrichtsvideos und andere Lehrmaterialien für Gitarre.

Band oder Solo – Wer hat mehr Lampenfieber?

Als Gitarrist weiß Christian Konrad, wie es ist im Mittelpunkt der Bühne zu stehen. Doch bedeutet dieser Mittelpunkt auch mehr Lampenfieber? Oder kämpfen Sänger noch stärker mit ihren Nerven?

Christian, haben aus deiner Erfahrung heraus Bandsänger öfter mit Lampenfieber zu kämpfen als beispielsweise der Schlagzeuger, der relativ weit hinten auf der Bühne spielt und nicht so stark im Rampenlicht steht?

Christian: „Sänger haben in der Band mit Sicherheit den schwersten Job, auch wenn wir Instrumentalisten das oft nicht so sehen und wenig respektvoll sind. Als ich anfing, Musik zu machen, waren Sänger für mich die Leute, die zu faul sind, ein Instrument zu lernen, oder die nicht bereit sind, das Geld dafür zu investieren. Ich wunderte mich, warum virtuose Musiker freiwillig mit vermeintlich talentlosen Popsängern auf Tour gingen.

Heute weiß ich, dass Sänger oder Sängerinnen viel mehr leisten und aushalten müssen als wir Instrumentalisten: Sie sind die Aushängeschilder und Wiederkennungsmerkmale ihrer Bands. Sie stehen das ganze Konzert über komplett im Fokus des Publikums, und zwar unmittelbar mit ihrer Stimme und ihrem Auftreten, ihren oftmals sehr persönlichen Texten und mehr. Was der Sänger oder die Sängerin macht, das kriegen alle mit. Entsprechend öfter haben Sänger mit Lampenfieber zu kämpfen, weil von ihrer Performance einfach viel mehr abhängt und sie pausenlos im Fokus der Aufmerksamkeit stehen.“

Gilt dieser Unterschied auch für Band und Solomusiker? Ist die Band oder das Orchester also eher Unterstützung oder ein zusätzlicher Druckfaktor?

Christian: „Meine Erfahrung ist, dass das Lampenfieber davon abhängt, wie stark jemand auf der Bühne unter Beobachtung steht. Als Bandmusiker wird einem nur ein kleiner Teil der Aufmerksamkeit zuteil, sodass viele Musiker wesentlich gelassener sind, wenn sie als Gruppe auf die Bühne gehen. Das kennen wir doch auch aus dem Alltag: Ein Mensch alleine würde sich nie trauen, in der Straßenbahn rumzugrölen. In der Gruppe schwinden die Hemmungen.“

Die Band und Orchester reduzieren also das Lampenfieber?

Christian: „Ja, denn je größer die Besetzung, desto weniger Aufmerksamkeit des Publikums wird dem einzelnen Musiker zuteil. Das führt oftmals zu wesentlich mehr Gelassenheit der Musiker in Bandsituationen. Ein anderer Aspekt ist, dass Musiker, die von klein auf alleine vor Publikum standen und oft in dieser Situation sind, sich hier in aller Regel auch leichter tun als solche, die wie ich selbst hauptsächlich in Bands spielen.“

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Der Sänger oder die Sängerin hat oft mehr mit Lampenfieber zu kämpfen, als der Rest der Band.

Gibt es noch andere Faktoren, die das Lampenfieber beeinflussen?

Christian: „Ja, denn ich glaube, wie stark man sich unter Druck fühlt, hängt auch von der persönlichen Einstellung zur Musik ab. Ich nehme das Ganze nicht zu bierernst, für mich ist Musik machen im Grunde immer noch ein Spaß, eine tolle Sache, die man aber auch nicht zu wichtig nehmen darf. Und ich weiß, dass die Welt nicht untergeht, wenn ich mich am Abend dreimal verspiele. Das gibt mir eine Grund-Lockerheit.

Es gibt hingegen auch Musiker, die ihre Auftritte und die eigene „Leistung“ so verbissen sehen, dass sie sich mit Beruhigungs-Pillen oder Alkohol „dopen“ müssen, um mit dem gefühlten Druck umzugehen. Das ist für mich schwer nachvollziehbar. Man sollte immer noch über die eigenen Fehler lachen können und zu seinen Schwächen stehen. Perfektion ist langweilig und die berühmtesten Musiker zeichnen sich doch gerade durch kleine Schwächen oder Macken aus, die ihnen ihren unverwechselbaren Charakter verleihen.“

Das Internet als Hilfe?

Musiker stehen heutzutage nicht nur vor einem Live-Publikum auf der Bühne, denn Plattformen wie YouTube machen es möglich Aufnahmen der eigenen Proben oder Auftritte mit Menschen auf der ganzen Welt zu teilen. Doch darin liegt auch die Gefahr, denn nicht immer sind die Kommentare zu den Darbietungen positiv.

Viele heutige Popstars sind durch YouTube-Videos erst bekannt geworden. Inwieweit hilft die Verbreitungsmöglichkeit über die sozialen Medien dabei, Lampenfieber zu überwinden? Oder umgehen dadurch nicht viele Talente ihre Bühnenangst? Weichen ihr quasi aus.

Christian: „Ich weiß nicht, ob das Ausmaß des Lampenfiebers irgendwie proportional zur Zahl der Zuschauer steht. Ich glaube, im Moment der Aufnahme spielt das keine Rolle, so weit denkt man da noch gar nicht. Jedoch ist es eine sehr gute Übung, vor der Kamera zu stehen und etwas zu singen oder zu spielen. Wenn die Kamera läuft, ist man durchaus auch aufgeregt, steht unter Spannung und braucht erst mal viele Versuche, bis etwas „im Kasten“ ist.

Aber man wird definitiv durch regelmäßige Videoaufnahmen sicherer in der Performance.“

Du verbreitest deine Videos erfolgreich über Social-Media-Kanäle wie YouTube und Facebook. Durch die Anonymität im Internet sinkt bei vielen die Hemmschwelle für beleidigende Kritik. Wie sehr lassen sich Amateurmusiker durch negative Kommentare in diesen Netzwerken verunsichern?

Christian: „Ich glaube nicht, dass es hier einen signifikanten Unterschied zwischen Amateurmusikern und Profis gibt: Viele Musiker werden durch beleidigende Kommentare verunsichert, wobei es da natürlich sehr stark auf die Art der Beleidigung ankommt.

Ich kann hier nur meine eigenen Erfahrungen wiedergeben: Manchmal habe ich schon zu den YouTube-Videos Kommentare bekommen wie: „Wie siehst du denn aus? Glatze geht gar nicht, setz dir doch wenigstens mal eine Mütze auf!“. Das verunsichert mich natürlich nicht, weil die Kritik keine Substanz hat, einfach nur ein sinnloser Spruch. Wenn jemand hingegen sagt „Das hast du aber schlecht gespielt, geht ja gar nicht!“, führt das tendenziell eher zur Verunsicherung oder zumindest zur nochmaligen kritischen Überprüfung.

Ein Unterschied ist sicher auch, ob ein Video von dem Musiker absichtlich aufgenommen und hochgeladen wurde. Dann ist man ja prinzipiell von der Qualität des Inhalts überzeugt und nicht so leicht angreifbar. Wenn aber ein Zuschauer heimlich ein Konzert mitgeschnitten hat und Ausschnitte davon hoch lädt, kann der Musiker dabei ja weitaus unvorteilhafter wegkommen, wenn z.B. irgendwas schiefgelaufen ist. Dann ist Spott und Häme auf YouTube natürlich vorprogrammiert und das tut vielen Musikern dann weh.“

Wie gehst du mit unsachlicher Kritik um?

Christian: „Man darf unsachliche und beleidigende Kritik einfach nicht so ernst nehmen: Die Motive sind doch zumeist, dass diese Leute gestresst oder unzufrieden mit sich selbst sind und mal irgendwo Dampf ablassen müssen. Oder, bei inhaltlicher Kritik, dass sie sich selbst gerne als Fachleute profilieren wollen, weil es ihnen dazu im Alltag an Gelegenheiten fehlt.

Wenn man die Motive der Kritiker durchschaut und vielleicht trotzdem freundlich auf Kommentare antwortet, verlieren diese Nörgler schnell das Interesse. Außerdem zeigen solche Negativ-Kommentare den anderen Zuschauern, dass man nicht generell die Kommentare zensiert und meinetwegen nur die Lobeshymnen stehen lässt. Man wird dadurch glaubwürdiger.

Meine Erfahrung ist aber: Wenn man als Videomacher etwas Gutes abliefert, werden immer mit großer Mehrheit die positiven Kommentare überwiegen.“

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Christian Konrad studierte Jazzgitarre und Popularmusik in Dresden und Hamburg.

Treten Sie regelmäßig vor Publikum auf

Christian spielte lange vor Live-Publikum, bis er begann Videos für das Internet zu machen. Heute wählen viele Nachwuchsmusiker den umgekehrten Weg und verbreiten zuerst ihre Stücke im Netz.

Sind YouTube Videos eine gute Übung für einen richtigen Auftritt vor Live-Publikum?  

Christian: „Beim Spielen auf einer Bühne vor Live-Publikum gibt es noch zusätzliche Unsicherheitsfaktoren: Es klingt ganz anders als zu Hause durch den Saal, Monitorboxen und In-Ear-Monitoring. Man ist abgelenkt durch die vielen Leute, die ungewohnte Aufstellung der Band und größere räumliche Distanz zu den Mitmusikern.

Und man hat am Abend nur eine Chance, den Song gut zu spielen, beim Video kann man ja zwanzig Versuche machen, bis man zufrieden ist.

Daher würde ich sagen: Lampenfieber kann man nur verringern, indem man sich der jeweiligen Situation regelmäßig aussetzt. Wer auf der Bühne unter Lampenfieber leidet, sollte regelmäßig auftreten. Bei mir selbst verringerte sich nach ein paar Jahren mit vielen Auftritten die Bühnenangst deutlich. Man wird routinierter.

Geblieben ist vor allem eine Anspannung im Hinblick auf mögliche technische Pannen. So sind mir schon Gitarren beim Spielen heruntergefallen, Kabel haben schon den Dienst quittiert, und das passiert auch noch nach vielen Jahren. Aber auch damit geht man irgendwann souveräner um, man plant besser voraus, während Bühnen-Neulinge zumeist nur in Panik verfallen.“

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Wer oft vor Publikum spiel, hat mit der Zeit weniger Lampenfieber.

Lampenfieber haben nicht nur Musiker, die auf einer Bühne stehen und vor Publikum spielen. Sei es in der Schule vor einem Referat oder im Job vor einer wichtigen Präsentation – Lampenfieber kennen wir alle.

Lampenfieber ist auch im Alltag verbreitet. Haben dir deine Auftritte als Musiker dabei geholfen, auch in anderen Situationen lockerer zu sein?

Christian: „Auf alle Fälle bin ich durch viele Auftritte und durch das Musikerdasein als solches im Alltag lockerer und selbstbewusster geworden. Bei meinem allerersten Studentenjob an einer Musikschule sollte ich mal völlig unvorbereitet vor zwanzig Eltern sprechen, eine kleine Ansprache halten, wer ich bin und was ich mache. Da wäre ich fast gestorben vor Aufregung. Durch viele Auftritte wird es mit der Zeit einfacher, selbstbewusst vor Leuten zu stehen. Das hat mir später auch bei der Durchführung von Workshops, VHS-Kursen und ähnlichen Anlässen geholfen.

Dazu kommt, dass man es als Musiker irgendwann gewohnt ist, von vielen Leuten kritisch beäugt, belächelt oder einfach nicht ernst genommen zu werden. Da entwickelt man automatisch eine gewisse Gelassenheit und ein Selbstbewusstsein, so dass es einem irgendwann nicht mehr so wichtig ist, was andere Leute über einen denken. Und das hilft wiederum sehr, wenn man irgendwie in der Öffentlichkeit steht, vor der Klasse ein Referat halten soll oder ein Video aufnimmt.

Ich kann allen auf der Bühne ängstlichen Musikern nur raten: Nehmt die Leute, das Publikum nicht zu ernst! Ihr seid die Experten für das, was ihr tut, nicht die Leute, die vor euch sitzen.“

5 Tipps gegen Lampenfieber

Christian hat im Laufe seiner Karriere erfolgreiche Strategien gegen Lampenfieber entwickelt, die er auch in seinem Video erläutert. Wir haben für Sie die wichtigsten Punkte zusammengetragen:

  1. Einfach aber effektiv: Üben Sie das Stück so lange, bis Sie es in- und auswendig können.
  2. Versuchen Sie kurz vor dem Auftritt noch einmal zur Ruhe zu kommen. Unter Stress passieren häufig Fehler.
  3. Learning by Doing: Wer oft vor Publikum spielt, legt seine Nervosität mit der Zeit ganz von alleine ab.
  4. Treten Sie dem Publikum positiv gegenüber. Die Zuschauer sind keine Prüfungskommission, sondern freuen sich, Ihre Musik zu hören.
  5. Eine positive Anspannung vor dem Auftritt ist selbst bei erfahrenen Musikern ganz normal und sogar hilfreich.

Alle 5 Tipps erklärt Christian auch noch einmal in diesem Video:

Wir bedanken uns bei unserem Interviewpartner Christian Konrad sehr herzlich für die spannenden Einblicke und hilfreichen Tipps!

Wir hoffen, dass Ihnen unsere Tipps und Expertenmeinungen dabei helfen, beim nächsten Aufritt sicherer zu sein. Alle-noten.de hat die passenden Notenbücher für Ihr Konzert. Schauen Sie doch mal vorbei. 

 


Bildernachweis:
Titelbild: © Sean_Warren/istock, Bild 1: © PeopleImages/istock, Bild 4: © flisk/istock, Bild in Infobox: © Christian Konrad, Bild 2: © Christian Konrad

 

1 Kommentar

  1. Helmut 14. Dezember 2016 um 15:54 Uhr

    Um das Lampenfieber und schlechte Stimmungen zu entfernen, atme vor dem Auftritt kräftig aus mit „FFFFFFFFFFFFFFFFFF“.
    Beim Auftritt LIEBE aktiv dein Publikum, indem du aus deinem Herzen eine kraftvolle Liebesschwingung aussendest. Also aktiv nach außen strahlen statt passiv von außen erdrückt werden!
    Du kannst dir auch helfen, indem du dir die anonyme Zuschauermasse innerlich als EINE Person vorstellst.

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