Besser spielen, schneller spielen, überspielen: Berufskrankheiten bei Musikern

Gesundheit

Wenn der schönste Beruf der Welt zur Qual wird

Die Realität des Musikerdaseins ist oft härter, als Sie denken. Über Jahrzehnte hinweg immer wieder die gleichen Bewegungsabläufe in einer stark angespannten Körperhaltung auszuführen, geht nicht spurlos am Körper vorbei. Laut einer Studie der Universität Paderborn leidet jeder zweite Berufsmusiker an körperlichen Beschwerden.

Instrumentalpädagogin und Orchestermusikerin Ulrike Reichel-Greber konnte mehrere Jahre Erfahrungen als Viola-Spielerin im Orchester sammeln. Heute arbeitet sie vor allem als Instrumentalpädagogin für Viola, Violine und E-Piano. Der Alltag eines Berufsmusikers ist ihr aber nur zu gut bekannt. „Viel Dienst, zu wenig Ausgleich, körperlicher ‚Verschleiß‘es ist für einen Berufsmusiker in der Tat nicht leicht, das Rentenalter gesund zu erreichen.“

Medizinische Unterversorgung

Sehr wenige Ärzte haben Erfahrung mit typischen Musikerleiden. Die Behandlung mit herkömmlichen Methoden bleibt daher oft ohne Erfolg. Auch Viola-Spielerin Ulrike kam nicht ungeschoren davon:

Einmal konnte ich wochenlang meinen rechten Arm nicht über Brusthöhe heben. Mir wurde ein Schulter‐Arm‐Syndrom diagnostiziert. Physiotherapie wurde mir mehrmals verschrieben, wobei ich aber nur selten das Gefühl hatte, eine Behandlung zu erhalten, die wirklich zielgerichtet an den Ursachen arbeitete.“

Krankheiten im Musikerberuf: Vom Körper zur Psyche

Gehörschäden gehören zu den häufigsten Musikerleiden.

Gehörschäden gehören zu den häufigsten Musikerleiden.

Die physische Komponente: Der Lärm im Graben

Das Feld der Musikerkrankheiten wird dominiert von orthopädischen Problemen, dicht gefolgt von Hörschäden. Oft sind es letztere, die für das frühzeitige Ausscheiden aus dem Beruf verantwortlich sind.

Körperliche Schäden sind fast unvermeidbar, denn das Spielen beinahe jeden Instrumentes verursacht eine problematische Körperhaltung. Entweder verlangt das Spielen eine unnatürliche Verdrehung des Körpers, wie bei Violine oder Querflöte, oder es entsteht eine Spannungsproblematik durch das Gewicht des Instrumentes, wie zum Beispiel beim Waldhorn.

Der Orchestergraben: Ein Ort, an dem sowohl musikalische Magie als auch Gehörschäden entstehen.

Der Orchestergraben: Ein Ort, an dem sowohl musikalische Magie als auch Gehörschäden entstehen.

Eine enorme Belastung für den Körper stellen außerdem die Arbeitsbedingungen im Orchestergraben dar. Musiker erbringen Meisterleistungen in einer zugigen Vertiefung im Boden, während sie auf unergonomischen Stühlen sitzen und unter schlechter Beleuchtung die Noten vor sich entziffern müssen.

Nicht zu vergessen ist natürlich die eindrucksvolle Lautstärke, die jedes Instrument von sich geben kann. Fast jedes Instrument im Orchestergraben bringt es auf 80 Dezibel, was lautem Verkehrslärm entspricht. Trompeten und Schlagzeuger treiben die Lautstärke an die Spitze. Musiker sind pro Vorstellung und Probe über mehrere Stunden dieser Lautstärke ausgesetzt, was Tinnitus, Schwerhörigkeit und im schlimmsten Fall Berufsunfähigkeit zur Folge haben kann.

Hierbei appelliert Ulrike Reichel-Greber an den Arbeitgeber: „Arbeitgeber haben die Möglichkeiten, für gesündere Arbeitsbedingungen zu sorgen. Dabei denke ich zum Beispiel an musikmedizinische Beratung, Bereitstellung von Gehörschutz, hochwertigere Sitzmöbel, angemessene Dienstpläne und vieles mehr.“

Neben der häufig im Orchestergraben anzutreffenden Sehnenscheidenentzündung oder Schwerhörigkeit lassen sich noch weitere instrumentenspezifische Krankheitsbilder finden:

  • Geige: Schulter- und Halswirbelprobleme, schiefer Kiefer
  • Horn: chronischer Herpes
  • Blasinstrumente: krumme Zähne durch starkes Pressen auf das Instrument; erhöhtes Schlaganfallrisiko durch Zirkularatmung (gleichzeitiges Ein- und Ausatmen)
  • Cello: Dicke Metallsaiten malträtieren den Mantel der Fingernerven
  • Klavier: Musikerkrampf (fokale Dystonie); einzelne Handmuskeln ziehen sich zusammen und schränken die Motorik der Hand stark ein
Für manche Musiker kann fokale Dystonie das Karriereaus bedeuten.

Für manche Musiker kann fokale Dystonie das Karriereaus bedeuten.

Die Psychische Komponente: Zwang zur Perfektion

Oftmals befinden sich hinter physischen Problemen nicht nur das Spielen des Instruments selbst, sondern psychische Konflikte.

Um sich als Berufsmusiker auf dem überfüllten Markt durchsetzen zu können, beginnt die Karriere vieler Musiker bereits im Kindesalter. Hier zählt von Anfang an Leistung und weniger Prävention. Traditioneller, leistungsorientierter Musikunterricht besteht aus viel Kritik und wenig Pausen. Die Angst vor dem Nicht-Gut-Genug-Sein auf einem stark umkämpften Markt wird dem Musiker oft von klein auf beigebracht.

Leistungsdruck, Konkurrenzkampf und Unsicherheit – der emotionale Alltag eines Berufsmusikers.

Leistungsdruck, Konkurrenzkampf und Unsicherheit – der emotionale Alltag eines Berufsmusikers.

In der Berufspraxis macht sich jedes Unwohlsein am Instrument bemerkbar. Jedes Versagen wird anschließend vom Musiker mit zusätzlichem Üben bestraft, wenn er es als Kind im Musikunterricht so gelernt hat. Die Angst vor Versagen überträgt sich anschließend häufig in Verspannungen und Schmerz.

Zusätzlich hängt beim Berufsmusiker auch noch das Einkommen von der Qualität seines Spiels ab, was den Schmerz nur noch angsteinflößender macht. „Musiker ‚in Lohn und Brot zu bringen‘, das ist mit Existenzängsten und negativem Stress verbunden. So schön es eigentlich ist, mit Musik zu arbeiten, so schwierig ist es auch, dauerhaft davon zu leben.“

Manche Musiker gehen mit der beruflichen Belastung auf eine zerstörerische Art und Weise um.

„Es gibt nicht wenige Musiker, die auf beruflichen Druck und Unsicherheit mit der Einnahme von Suchtmitteln reagieren, was in der Folge natürlich den Körper schädigt. Das ist aber sicher kein alleiniges Problem der Musikbranche.“

Was den erkrankten Musikern oft helfen würde, sind lange Erholungspausen. Nimmt der Musiker allerdings eine Auszeit, geht er das Risiko ein, seinen Orchesterplatz zu verlieren oder vom jüngeren Nachwuchs überrannt zu werden. „Festanstellungen sind umkämpft, und wer Arbeit hat, der will sie nicht verlieren, wodurch sich manche selbst überfordern.“

Prävention

Prävention ist das Zauberwort für die Musikergesundheit. In der Prävention liegt der Schwerpunkt musikmedizinischer Arbeit. Dadurch soll eine bessere Wahrnehmung des eigenen Körpers und eigener Emotionen gefördert werden.

„Ein gut ausgeprägtes Gefühl für den eigenen Körper ist sehr wichtig, um Probleme zu erkennen, bevor es zu dauerhaften Fehlhaltungen oder chronischen Schmerzen kommen kann. Deshalb halte ich für angehende Musiker alles für sinnvoll, was die Selbstwahrnehmung stärkt: Yoga, Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung usw.

Prävention fängt beim gesunden Unterricht an

Die Prävention beginnt bereits im Kindesalter: Schonendes Üben ist das A&O. Als Musiklehrerin ist Ulrike Reichel-Greber sich diesen Maßnahmen bewusst.

„Bei meinen Schülern achte ich von Anfang an auf eine gesunde Haltung am Instrument. Dazu gehören sowohl gut angepasste Schulter‐ und Kinnstützen als auch regelmäßige Pausen beim Üben, in denen Lockerungsübungen gemacht werden.“

Ulrike macht es vor: Pausen einlegen und ausgeglichen Loben und kritisieren sind essentielle Bestandteile einer gesunden Musikausbildung. Auf diese Weise hat der erwachsene Musiker nicht mit dem Leistungsdruck aus seiner Kindheit zu kämpfen.

Bevor Kinder dazu motiviert werden, Berufsmusiker zu werden, sollten sie auf die Realität des Musikerberufs vorbereitet werden. Das hält auch Ulrike Reichel-Greber für sehr wichtig:

„Man sollte sich gut überlegen und realistisch einschätzen ob man den Anforderungen des Musikerberufes körperlich und auch seelisch gewachsen ist. Denn Konkurrenzdruck, berufliche Unsicherheit sowie langanhaltende, einseitige körperliche Belastungen werden meist nicht von Anfang an mit dem Berufsbild ‚Musiker‘ verknüpft.“

Musiklehrer tragen in dieser Hinsicht eine große Verantwortung, das weiß auch Ulrike Reichel-Greber. Zwar wollte noch keiner ihrer Schüler die Musik zum Beruf machen, aber für den Fall der Fälle ist es wichtig „auch als Lehrer über die Risiken und möglichen Probleme in einem solchen Beruf aufzuklären.“

Hat sich der Traum des Musikerdaseins einmal verfestigt, ist es ratsam, als angehender Musiker an eine Berufsunfähigkeitsversicherung zu denken. Hier liegt es an den Eltern, ihren musikalischen Nachwuchs gut abzusichern– und das so früh wie möglich.

„Wenn man bereits die ersten Beschwerden hat, dann ist es oft sehr schwer bis unmöglich, noch eine gute Absicherung zu bekommen, da Versicherungen sehr genau über Erkrankungen informiert werden wollen. Berufsunfähigkeit ist aber ein realistisches Risiko“, warnt die Musiklehrerin.

Mehr zum gesunden Unterrichten können Sie in Furugh Karimi’s Buch „MusicGym. Effektiv üben und unterrichten – stressfrei musizieren“ nachlesen.

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Therapiemethoden

Ulrike Reichel-Greber hat eine persönliche Routine gefunden, mit der sie die berufsbedingten Belastungen auf ihren Körper ausgleichen kann.

„Um Problemen vorzubeugen, haben sich Gymnastik zur Kräftigung und Dehnung, Walking zur Entspannung und besseren Durchblutung und Wärmebehandlungen zur Lockerung verspannter Muskelpartien als sehr hilfreich erwiesen. Viele ehemalige Kollegen haben auch im Fitnessstudio am Aufbau ihrer Rücken‐ und Bauchmuskulatur gearbeitet. Je besser der Halteapparat aufgestellt ist, umso seltener sind Schmerzen.“

Regelmäßige Massagen und gezielte Physiotherapie helfen dabei, Verspannungen zu lösen.

Regelmäßige Massagen und gezielte Physiotherapie helfen dabei, Verspannungen zu lösen.

Weitere Therapiemethoden zum Beheben von vorhandenen Schäden sowie zur Prävention sind:

  • Krankengymnastik
  • Massage
  • Akkupunktur
  • Chiropraktik
  • Osteopathie
  • Alexandertechnik (pädagogische Methode zum Erkennen und Ändern von Gewohnheiten)
  • Feldenkrais-Methode (Schulung der Selbstwahrnehmung zur Verbesserung menschlicher Funktionen)
  • Progressive Muskelentspannung (durch bewusste An- und Entspannung bestimmter Muskelgruppen entsteht ein Zustand tiefer Entspannung im ganzen Körper)
  • Dispokinesis (Schulungs- und Therapieform für Musiker und Bühnenkünstler)

Die Bücher „Burnout-Prüfungsstress-Lampenfieber. Gesundheitsrituale für Musiker“ von Gerd Schnack und „Gesund und motiviert musizieren – Ein Leben lang. Musikergesundheit zwischen Traum und Wirklichkeit“ geben noch tiefere Einblicke in mögliche therapeutische Maßnahmen zur Prävention von Musikerkrankheiten.

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Der Weg zu einer gesunden Musikpraxis beginnt in der Ausbildung

Instrumentalpädagogin Ulrike Reichel-Greber ist der Meinung, dass angehende Musiker zusätzlich zur künstlerischen Ausbildung auch angemessener auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden sollten. Sie schlägt vor, dass „am Beginn eines Studiums nicht nur eine künstlerische Aufnahmeprüfung, sondern auch eine medizinische Beratung stehen sollte.“

Was Berufsmusikern also am meisten fehlt, ist die Zeit, richtig zu heilen. Ulrike Reichel-Greber sieht am Grunde dieses Missstandes eine Grundsatzproblematik: „Würden künstlerische Berufe höher geschätzt und mehr gefördert werden, dann würden sich auch die Arbeitsbedingungen für Musiker verbessern.“

Am immer größer werdenden Lehrangebot für Musikmedizin – ein vorbildliches Beispiel dafür ist das Kurt-Singer-Institut für Musikgesundheit in Berlin – wird sichtbar, dass die Musikerausbildung sich bereits in die richtige Richtung entwickelt. Deswegen hoffen auch wir, dass die kommende Musikergeneration den Weg zu einer körperbewussteren und präventiven Musikpraxis ebnet.

Wenn Sie sich tiefer in diese Thematik einlesen wollen, empfehlen wir das Gesundheitsbuch für Musiker von Renate Klöppel sowie Claudia Spahns Buch Musikergesundheit! Wir bedanken uns außerdem bei Ulrike Reichel-Greber für das informative Insiderinterview!

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Bildnachweis:
Bild 1: © iStock/cyano66, Bild 2: © iStock/stockimages, Bild 3: Orchestergraben von cjsonnott0 ist lizensiert unter CC0, Bild 4: © Pexels, Bild 5: © iStock/inabanz, Bild 6: © iStock/gweneal le vot, Bild 6, 8 & 9: alle-noten.de, Bild 7: © iStock/KatarzynaBialasiewicz

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